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Es gibt in Pirna eine sehr alte Straße, welche nur in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, wenn sie sich durch das immer wiederkehrende Hochwasser in ein Klein Venedig verwandelt auch lassen sich nur schwer Fotos aus vergangenen Zeiten finden. Sie ist mit ihren Hausfassaden nicht so prachtvoll wie die Gartenstraße. Doch was geschah auf der "Nuwingaßin vor der stat"?
Kurzgeschichten aus der Pirnaer Westvorstadt.
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ISBN: 978-3-565412-19-8
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Leseprobe aus dem Buch „Das Loch in der Socke“
„Stadtluft macht frei“
Wir schreiben das Jahr 1223 und auch Konrad kommt dieser Redensart nach. Er will nicht mehr für den Adel in der Burg und auf den Herrenhöfen Fronarbeit leisten, um diese zu unterhalten, während ihm selbst kaum das Nötigste zum Leben bleibt. Konrad zieht es vor, lieber die Steuern für den Kaiser zu entrichten und den Rest seines Lohnes für sein Auskommen zu nutzen. Sein Ziel ist die Gründung eines eigenen Hausstandes. Auf Schusters Rappen geht es hinaus aus dem Dorf. Konrad schlägt den Weg ein, der ihn in die neue aufstrebende Stadt Perne führt. Im Stillen hofft er, dass er hier eine Anstellung, gleich welcher Art findet, und er hat Glück. Konrad bekommt die Tätigkeit eines Maurergehilfen zugewiesen und er wird sogleich an die Westseite der Stadtmauer beordert. Hier benötigt man dringend jede helfende Hand. Die Westfront der Stadtmauer ist durchgehend. Will man in die Stadt hinein, so ist man gezwungen den kleinen Umweg zum Elbtor zu nehmen. Konrad erreicht die ihm zugewiesene Stelle und sieht wie große Steinquader mit Pferd und Wagen angeliefert werden. Um die gewünschte Form zu erreichen, müssen Maurer die Steinquader mit Hammer und Meißel bearbeiten. Eine Maske aus Drahtgeflecht schützt sie vor dem Einatmen des dabei entstehenden feinen Staubes. Konrads Aufgabe besteht darin, den gebrannten und gelöschten Kalk mit Sand zu vermengen und den so gewonnen Mörtel in flachen Bütten auf der Schulter über ein wackliges Gerüst zu den Maurern zu tragen. Beim Bau der Westfront der Stadtmauer fällt Konrad etwas auf, aber er ist keiner der Bauherren und so belässt er es dabei. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben. Konrad kann sich später den Wunsch nach einem eigenen Hausstand erfüllen, heiratet und wird damit Bürger der Stadt.
„Pirna im Dreißigjährigen Krieg“
Das Osterfest steht vor der Tür und im Mittelalter galt die Treuga Dei, der Gottesfriede, das Fehdeverbot in der heiligen Zeit. Es erstreckte sich über die gesamte Fastenzeit bis hin zu Ostern. Im Jahr 1618 denkt keiner mehr an diese alte geltende Waffenruhe. Die Kriegsfurie zieht über das Land, der Dreißigjährige Krieg hat begonnen. 1639 wird sie die Stadt Pirna in den Abgrund reißen. Noch kann das Leben in der reichen Stadt und in deren Vorstädten seinen gewohnten Gang nehmen. Da wird das Herannahen der schwedischen Truppen unter General Baner gemeldet……
„Bella Donna- eine kleine Anekdote zwischendurch“
Der Rat der Stadt beschloss bereits 1578 das Betreiben einer eigenen Apotheke. Jetzt, im Jahr 1813, ist in der 2. Generation Johann Georg Gottlieb Abendroth ein bedeutender Botaniker und gleichzeitig als Apotheker in Pirna tätig. Er gründet eine unter seinem Namen stehende Stiftung und er beliefert Dr. Pienitz in der Klinik auf dem Sonnenstein mit Medikamenten für dessen Patienten. Mit „Chassez les fous! - Werft die Narren hinaus!“ lässt Napoleon den Sonnenstein durch sein Militär besetzen und reaktiviert ihn bis zum November des gleichen Jahres zur Festung. Anlagen und Gebäude werden dabei schwer zerstört. Was er nicht ahnt, dass sich 160 seiner französischen Soldaten im Wald vor Pirna mit Tollkirschen (Bella Donna) vergiften. Sie sehen sie als eine essbare Pflanze an und es kommt zur größten Massenvergiftung, die je bekannt wird. Apotheker Abendroth wird zur Hilfe herangezogen und obwohl die Sache schlimm genug ist, kann er sich eines Lächelns nicht erwehren. Das alte Sprichwort „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott gleich.“, das hat wohl doch seine Berechtigung. Nach der Niederlage Napoleons kehren im Februar 1814 die ersten Patienten auf den Sonnenstein zurück und es wird mit der Beseitigung der Schäden durch die militärische Nutzung begonnen.
„Dor Geenich kommt“
Heute am 27. August 1905 wird auf dem Marktplatz das Denkmal für König Albert eingeweiht und dazu die bei der Bevölkerung sehr beliebte Majestät höchstselbst erwartet. Bereits in der Früh hat sich Ida Schüller von der Neuen Straße auf den Weg in die Albertstraße Nr.9 gemacht. Hier in der Kinderbewahranstalt ist sie als Kindergärtnerin tätig. Unbemittelte Eltern können ihre Kleinen für 6 Pfennige pro Tag in Kost und Aufsicht geben. Ida sorgt sich mit darum, dass die Kleinen laut der Einrichtungsordnung reinlich gewaschen, gekleidet und gekämmt sind. Einige der Kleinen werden heute besonders gut eingekleidet, schließlich erwarten alle den „Geenich“.
Dann macht sich die kleine Abordnung der Kinderbewahranstalt auf den Weg zum nahen Marktplatz. Alles ist festlich dekoriert. König Albert reist, von Pillnitz kommend, mit den Prinzen Georg, Friedrich Christian und Ernst Heinrich an. Ihr Weg führt sie über Copitz, die Stadtbrücke, Gartenstraße, Jacobäerstraße, Schuhgasse zum Markt. Am späten Nachmittag erfolgt die Enthüllung des Denkmals. Im Anschluss daran findet ein Festumzug statt der die 500-jährige Geschichte der Stadt Pirna zeigt und Idas kleine Schützlinge werden mit dabei sein.
„Montag, den 28. August 1939- Bezugsscheinpflicht“
Bereits Tage zuvor spürten die Pirnaer Bürger durch die Rationierung von Lebensmitteln Einschränkungen im Konsumverhalten. Vier Tage vor Beginn des zweiten Weltkrieges wird auch in Pirna eine „Bezugsscheinpflicht“ für Seife, Lebensmittel, Kohle, Spinnstoffe und Schuhe eingeführt. Ella Kästner will an diesem Morgen ein paar Einkäufe tätigen. Von ihrem Haus auf der Klosterstraße ist es nicht weit bis zum nächsten Lebensmittelhändler auf der Gartenstraße. Doch Ella nimmt lieber den etwas längeren Weg zu Züchners, dem Eckladen auf der Kamenzer Straße, auf sich. Nicht dass es bei Züchners ein besseres Angebot gebe, nein, Ella mag seine Art im Umgang mit ihr. Im Alltag hat überall dieser militante Ton Einzug gehalten. Gegrüßt, wird nur noch mit erhobenem rechtem Arm und dem „Heil Hitler“ Gebrüll. Eine Frau ihres Alters hört nur selten noch Komplimente aber nicht bei Züchners. Alfred mag die adrette Dame und so genießen beide den kleinen Flirt am Vormittag. Ella erhält zum Wochenbeginn 63g Kaffee für die ganze Woche und am Tag stehen ihr 150g Nährmittel und 0,20l Milch zur Verfügung. Beim Fleischer bekommt sie für die Woche 700g Fleisch. Noch empfindet sie, wie alle anderen auch, die Rationierung als nicht so schlimm. Am Freitag, den 1. September 1939 beginnt mit dem Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Nur 7 Tage später, am 8. September 1939, erscheint die mit einem Eisernen Kreuz versehene erste Todesanzeige für einen gefallenen Pirnaer Soldaten und doch bleibt für die meisten Bürger das Kriegsgeschehen für lange Zeit in weiter Ferne.
„Frühling lässt sein blaues Band flattern durch die Lüfte“
Endlich, die Kälte der vergangenen Monate gehört der Vergangenheit an. Der Himmel ist an diesem Donnerstagmorgen strahlend blau und die Luft erfüllt mit dem Duft von frischem Grün. Leuchtend in den Farben blau, gelb und weiß recken die vielen Krokusse ihre Blüten der Sonne entgegen. Was für ein herrlicher Frühlingsmorgen dieser 19. April 1945……